Markt

Der Zweiradmarkt in der Krise

Andreas Geilenbrügge | 13 Jul 2020

Über den Autor

Andreas Geilenbrügge

Head of Valuations & Insights

Seit November 2013 ist Andreas Geilenbrügge bei Schwacke. Zunächst als Key Account Manager für Hersteller und Importeure, seit 2016 verantwortlich für Insights und ab Mitte 2018 gesamtverantwortlich für den Bereich Restwerte & Insights. Vor Schwacke liegen 9 Jahre Erfahrung im Flottenvertrieb von Importeuren und ein abgeschlossenes Betriebswirtschaftsstudium.

Klein aber fein

Mit ca. 160.000 neu zugelassenen Zweirädern in 2019 ist die Branche sicher nicht der Dreh- und Angelpunkt des mobilen Business. Aber mit seit mehreren Jahren stetigem Wachstum ist sie ein Umsatzgarant für viele Unternehmen. Selbst die Automobilkonzerne leisten sich – wenn auch manchmal kleine – Zweiradsparten, wie z.B. Ducati bei VW, Piaggio bei Fiat, Peugeot bei PSA oder eben Marktprimus BMW. Dazu kommen natürlich die klassischen japanischen Marken, sowie KTM, Triumph, und Harley-Davidson sowie eine Unzahl Klein- und Kleinsthersteller. Wo konsumfreudige und freizeitorientierte Käufer vermehrt auftauchen, da bleiben Finanzierungsinstitute nicht lange fern. Längst bieten namhafte Geldgeber wie z.B. die BMW Bank, Santander und Consors Finanz ein vergleichbares Spektrum an Dienstleistungen an wie ihre Vierrad-Kollegen.

Mundschutz schlägt Sturmhaube

Doch auch die derzeitige Krise geht nicht spurlos am Einzelhandel und der Industrie vorbei. Konnte die Dortmunder Messe „Motorräder“ im März noch mit 30% reduzierter Teilnehmerzahl stattfinden, kam das diesjährige Aus für die beiden größten Messen „Intermot“ in Köln und EICMA in Mailand dann rigoros. Werke wie von BMW in Spandau wurden geschlossen. Die überwiegend kleinen und gegenüber den Kraftwagenhändlern tendenziell weniger wirtschaftskräftigen Händler wurden kreativ und boten Haustürservice für Probefahrten und Servicetermine an. Reduzierte Zahlungsziele und Bonusvereinbarungen seitens Banken und Hersteller halfen auch, konnten aber neben der ausbleibenden Kaufkundschaft den nahezu zum Erliegen gekommenen Zubehörverkauf nicht vergessen machen. So waren März und April, zwei der sonst umsatzstärksten Monate geprägt durch den Shutdown. Heftige Einbrüche um -16%/-31% (März neu und gebraucht) bzw. -26% (April neu wie gebraucht) bringen manche Existenz ins Wanken. Aber durch die im Vergleich zu 2019 starken Monate Januar und Februar und die schnellere Rückkehr zum Tagesgeschäft als bei den PKW hält sich der Verlust bei den Krafträdern und Kraftrollern (jeweils -11%) für den Zeitraum Januar bis Mai insgesamt noch in Grenzen. Bei den Leichtkrafträdern (+22%) und Leichtkraftrollern (+45%) sieht es dagegen weitaus positiver aus und die vorläufigen Juni-Zahlen lassen noch mehr Optimismus zu. Dies dürfte nicht zuletzt an der neuen Führerscheinregelung liegen. Diese ermöglicht es „erfahrenen“ Autofahrern mit ein paar Theorie- und Praxisstunden autobahntaugliche 125er fahren zu dürfen. Auch nimmt ähnlich wie in Südeuropa der Kundenanteil zu, die das Zweirad nicht mehr nur als Hobby sondern als Alltagstransportmittel nutzen.

Not-so-easy Rider

Die aktuelle Herausforderung ist längst nicht durchgestanden, da droht bereits weiteres Ungemach. Ab Januar 2021 dürfen nur noch Motorräder mit der Euro5-Norm verkauft und zugelassen werden. Was aus Automobilsicht numerisch antiquiert klingt, ist lange beschlossene neue Rechtsnorm. Dies dürfte den Euro4 Lagerfahrzeugen eine gewisse wirtschaftliche „Schwere“ zum Ende des Jahres verleihen und zu Zulassungsspitzen und einem Preiskampf außerhalb der Saison führen. Und jedes günstiger verkaufte Neufahrzeug drückt das Preisniveau auch für die Gebrauchte weiter hinunter. In Kombination Grund genug, dass der Europaverband ACEM, der IVM und andere die Aufschiebung der Euro5-Einführung um mindestens ein halbes Jahr durchzusetzen versuchen. Jedenfalls sind kluge Konzepte unter Einbeziehung von Behörden und Wirtschaft zum verträglichen Abfluss der Euro4-Volumen dringend geboten, um weiteres Händlersterben zu verhindern.

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